Ich kenne niemanden, mit dem es sich so gut schwatzen lässt, wie mit meiner ehemaligen Amtskollegin Lili. Keiner sonst in der Dienststelle versteht es besser, den unzähligen Geschichten während der Kaffeepausen oder bei manch einer Besprechung einen gewissen sozialpolitischen, leicht philosophischen Aspekt zu verleihen, sodass wir uns dabei gleichzeitig wichtig und beschäftigt vorkommen durften. Keiner kann die objektive Notwendigkeit einer an den Haaren herbeigezogenen amtlichen Ausrede so ins rechte Licht rücken, dass man sich für den verzapften Unfug nicht unbedingt schämen muss. Und sollte einer nach langem Hin und Her eine Sache von allen Seiten bereits zur Genüge beleuchtet zu haben glauben, wäre sie immer wieder in der Lage, mit etwas Unerwartetem, einem anderen Aspekt etwa, zu kommen, und das Gespräch muss – wenn man es so will – nie ein Ende nehmen. Eine wahrlich würdige Vertretein ihres geliebten Orients und unschätzbare Mitarbeiterin unserer Presseabteilung! Wir mochten sie alle sehr. Eben mochten, denn vor einem Jahr kündigte sie ihre windgeschützte Stelle und verschwand kurzerhand irgendwohin – unverständlich und unberechenbar, wie das Ausländer manchmal für uns nun mal sind.

Letzte Woche trafen wir uns überraschend an einem Blumenstand auf dem Marktplatz, und die Wiedersehensfreude war groß. Und da der Herbst dieses Jahr so überaus mild war und jedermann genug von Überschwemmungen, Trockenperioden, Orkanstürmen, Hochs und Tiefs hatte, beschlossen wir, dieses Treffen mit einem kleinen Eisessen zu feiern. Der Wettermacher war uns gnädig, und die Tage waren jetzt noch, Mitte November, wunderbar warm. Trotz aller eindringlich warnender Wetterprognosen schien die Sonne immer und immer wieder, als wollte sie sich über die Weisheit dieses 21. Jahrhunderts lustig machen. Blumen blühten, Bienen summten, die Bäume trugen immer noch ihr herrlich buntes Laub. Das unerwartete meteorologische Wunder regte die Spendierfreudigkeit der Menschen an, sodass die Parteikassen fröhlich klingelten. Alle waren freundlich zueinander und eher geneigt, das Leben zu genießen, als sich um das Bruttosozialprodukt zu sorgen. Man tat einfach das Unverzeihliche und ignorierte den bevorstehenden Eintritt eines trostlosen, eisigen Winters, der freilich bloß eine Frage der Zeit war.

Lili und ich suchten uns einen Randtisch auf der Terrasse des Einscafes Venezia aus, bestellten italienisches Spagetti-Eis mit Himbeersauce, zündeten uns eine todverheißende Zigarette an, beobachteten die vorbeilaufenden Scharen auf der Straße, streckten das Gesicht nach oben und blinzelten zufrieden gegen die wohltuende spätherbstliche Sonne. Was für ein Wetter! Welch eine Gelegenheit, seiner Zunge freien Lauf zu lassen! All die langen und kurzen Röcke in Zigeunerlook, die scheinbar aus einzelnen Fetzen bestanden und jeden Augenblick auseinander zu fallen drohten, die hautengen Hosen, die peinlich krumme Beine offenbarten, die unvorstellbaren Tattoos an unwahrscheinlichsten Körperstellen, die ohne jegliches Schamgefühl der Menschheit präsentiert wurden, die freiliegenden, aus den Hosen heraushängenden, schwabbeligen Bäuche von Alt und Jung und die Wildlederstiefel mit schief abgetretenen hohen Absätzen – alles, einfach alles wollte ausgiebig begutachtet und erörtert zu werden. Da war nichts zu machen. Wir mussten es tun. Irgendwann sprangen wir dann auf den gemeinsamen Bekanntenkreis über – ein in der Tat unerschöpflicher Gesprächstoff! Ich erwähnte eine Kollegin, die neulich in Afrika geheiratet hatte. Lili wusste über meine jetzige Chefin und ihren unerschöpflichen Vorrat an Halstücher so manches zu erzählen. Ein Plakat an der Wand gegenüber brachte uns die letzten Kommunalwahlen in Erinnerung, auf die weder Wähler noch Gewählte stolz sein konnten. Dann kam der städtische Haushaltsplan an der Reihe, der wie immer eine Katastrophe war und weitere Katastrophen im Schlepptau führte. Und weißt du, und was hältst du davon, und hast du es gehört, und stell dir vor – und es wollte kein Ende nehmen, und das Leben war einfach herrlich! Damit es noch ein bisschen herrlicher wurde, brachte uns der schicke Kellner noch einen Proseko – Prego, bellissima cara mia! -, als Lili jemand bekanntes in der Straßenmenge erblickte. Mit leichtem Nicken grüßte sie eine sportlich gekleidete Frau, die gerade an uns vorbei ging.
„Wer ist denn das?“, hakte ich gleich ein.
„Das ist Undine. Sie ist Informatikerin im Umweltamt und hat einen Narren an Bulgaren gefressen“.
„Na so was! Hattest du nicht schon mal gesagt, du hättest keinen besonderen Kontakt zu deinen Landsleuten? Wo habt ihr euch Zwei denn kennen gelernt?“, sprudelte es aus mir heraus.
„Oh, sie hat mal vor Jahren die Sprache bei mir an der Volkshochschule gelernt“, sagte Lili verschmitzt, und da sie eine bedeutungsvolle Pause einlegte, rutschte ich einpaarmal auf meinem Stuhl hin und her, um die bequemste Sitzposition zu finden und machte mich auf eine ihrer Geschichten gefasst.
„Undine ist ein Einzelkind und ein ewig jung gebliebener FDJ -Zögling mit stark ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn“, begann Lili ihre Erzählung. „Sie fährt jedes Jahr in Urlaub nach Bulgarien und lässt nichts auf ihre dortigen Bekannten kommen, die sie „meine Freunde“ nennt und die sich alle Mühe gegeben haben, sie unter die Haube zu bringen. Vor einiger Zeit, das liegt jetzt drei-vier Jahre zurück, rief sie mich im Büro an, um sich aus dem Urlaub zurück zu melden und teilte mir freudig erregt mit, sie hätte jetzt endlich einen Mann. Sie sei nun nicht mehr allein. Ich glaubte damals einen Scherz zu machen und fragte, ob sie vielleicht jemanden aus dem Urlaub mitgebracht hätte. Sie sagte „Ja“. Ich fragte, wie der Auserwählte hieße. Sie nannte einen nichtbulgarischen Namen. Ich war unvorsichtig genug, sie darauf aufmerksam zu machen, und Undine wurde stocksauer. „In seinem Pass steht „Bulgare“ und das ist er auch“, zischte sie mich an. Diskutieren oder sie aufklären wollte ich nicht – das hätte sowieso keinen Sinn -, konnte mir aber die Anmerkung nicht verkneifen, sie möge doch ihn selbst zu diesem Punkt befragen. Da verwandelte sich die brave Undine in eine Furie. Sie warf mir Befangenheit, Vorurteile, Unwissenheit und Menschenrechte an den Kopf und hielt am Telefon einen Vortrag über Gleichberechtigung, Menschenglück, Chancen und all das. Am Ende war ich dankbar, dass sie mich nicht gleich angezeigt hat. Drei Jahre lang haben wir uns weder gehört noch gesehen. Dann meldete sie sich wieder, weil sie bei der Scheidung Hilfe brauchte. Ihr Bulgare hatte die fristlose Aufenthaltserlaubnis bekommen und ließ sich eine blutjunge Türkin aus der Heimat schicken, die er nun ehelichen wollte. Über so viel Niederträchtigkeit war Undine zu Tode betrübt und verfiel in Depressionen, erholte sich aber wieder, als sich einige amtlichen Handlungen zu ihren Gunsten erforderlich machten. Das war ja schließlich ihr Fahrwasser. Danach reiste sie in das Land ihrer Träume und brachte von dort einen neuen Partner mit – den Freund ihres geschiedenen Mannes.
„Na, da müsste ja jetzt bei ihr heller Sonnenschein sein“, sagte ich.
„Ja, vielleicht ist die Sonne bei ihr aufgegangen. Hast du denn vorhin bemerkt, dass sie nicht allein war“?
Nein, das war mir nicht aufgefallen. Ich hatte lediglich eine unauffällige weibliche Gestalt gesehen – weder jung noch alt, weder schön noch hässlich. Sie ging eben über die Straße.
„Hm, hättest du besser hingeschaut, hättest du gemerkt, dass zwei Meter vor ihr ihr neuer Herr und Meister schritt. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was nun in seinem Pass steht, aber was man sieht, genügt auch“.
„Sag mal, Lili, wie ist das eigentlich? Kann jeder einfach so hierher kommen und mit jemand anderem zusammen leben? Ich meine, geht das juristisch? Könnte ich es zum Beispiel auch so machen, wenn mir danach wäre?“
„Oh, ist dir denn danach? Sollte ich da vielleicht vermitteln?“, lachte sie. „Also, theoretisch bräuchte man hierzulande dazu eine Heiratsurkunde, oder aber eine feste Arbeit“.
„Ja, und praktisch“, offenbarte wieder einmal meine Unwissenheit.
„Praktisch geht es auch anders. Undines Freund zum Beispiel hat beides noch nicht, aber sie ist dabei zu suchen. Und wenn ein Beamter einmal etwas sucht, findet er es bekanntlich auch. Das ist drüben so und hüben nicht anders.“

Plötzlich war uns der Gesprächsstoff versiegt. Die Sonne schien immer noch, die Menschen flanierten lärmend weiter an uns vorbei, aber die fröhlich sprudelnde Stimmung war weg. Mentalitätsunterschiede schienen kein gutes Thema an einem Altweibersommertag zu sein. Ich hatte es auf einmal eilig, drückte meine Zigarette aus, zahlte und verabschiedete mich von Lili mit dem nichtssagenden „Wir bleiben in Kontakt, nicht wahr“.

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