Die Kaffeemaschine gluckerte leise. Im Kaminofen brannte das Feuer, der Teekessel mit frischem Pfefferminztee stand auf dem Herd, die Katze hatte ihren Napf leer gefressen und lag auf der Sitzbank, zusammengerollt zwischen Kissen. Bald würden die Kinder aufwachen und das Haus würde sich mit den vertrauten Stimmen erfüllen.

Am Fenster gelehnt, schaute Maja zu, wie es draußen langsam heller wurde und verfolgte mit Sorge das dichte Schneetreiben. Es war ihr zweiter Winter in dem alten Bauernhaus, gekauft in der Hoffnung, hier ungestört alt werden zu können. Der erste war so hart gewesen, dass sie bei der Erinnerung daran jedes Mal zusammenzuckte. Diesmal hoffte sie, es besser machen zu können. Im Schuppen gab es ausrechend Brennholz, die Vorratskammer war gut gefüllt und im Tiefkühlschrank warteten ganze Berge von Fleisch auf die Gäste, die seit zwei Tagen einer nach dem anderen am Bahnhof in der nahen Stadt ankamen und von dort mit dem Auto abgeholt werden mussten.

Weihnachten stand vor der Tür. Mit diesem christlichen Festtag hatte Maja, erklärte Heidin, ihr Lebtag lang nichts anzufangen gewusst. Sie wäre in der Lage gewesen, Weihnachten wann auch immer zu feiern, wenn nur ihre Kinder alle gleichzeitig bei ihr wären. Doch die Jungs waren erwachsen geworden und hatten unterschiedliche Wege eingeschlagen. Sie sahen und hörten sich eher selten. Nun aber waren sie da, hatten auch Freunde eingeladen, um gemeinsam einpaar Tage fern der Stadt zu verbringen. Ihre Einsiedelei belebte sich. Allein dieser Schnee… Frau Holle schüttelte unermüdlich ihre Federbetten. Wenn es nach Maja ging, könnte sie sich ruhig ab und zu mal eine Pause gönnen. Das Dorf würde auch so pünktlich zu den Feiertagen mustergültig aussehen – makellos weiß und sauber, mit dünnen, aufsteigenden Rauchfäden über den Häusern und dem Geruch nach Holzfeuer – zur Freude der Kinder und sehr zum Ärger der Alten, die nun richtig zu tun bekamen, denn ab sofort hieß es: Schneeräumen, was das Zeug hielt, auf den Höfen wie auch auf der Straße.

Alles schlief noch, nur der Hahn meldete sich aus der Dunkelheit des Hühnerhauses. Der Wind schien sich ausgetobt zu haben. Na dann, dachte Maja, auf in den Kampf! Mit leisem Seufzen riss sie sich von ihrem Platz am Fenster, schlüpfte in die gefütterten Gummistiefel, zog die wattierte Arbeitsjacke an und trat hinaus, um einen Weg bis zum Zwinger frei zu schaufeln und den Hund laufen zu lassen. Später, nach dem Frühstück, würde sie nach und nach den Weg breiter machen, bis schließlich der ganze Hof so weit frei von Schnee war, dass das Auto hinausgefahren werden konnte.

Sie tat einpaar Schritte und blieb verdutzt stehen. Es hatte in der Nacht so gestürmt, dass sich unter dem ausgedehnten Vordach tiefe Schneewehen gebildet hatten. Die Kellertreppe war zugeschüttet und gänzlich verschwunden. Es waren mindestens vierzig Zentimeter Neuschnee gefallen. Und es wurde immer mehr. Oh, mein Gott, krampfte sich ihr Herz bei diesem Anblick zusammen, wo war sie am Ende ihres Lebens gelandet? Wie nur konnte sie, Kind des Meeres, in der salzigen Luft der flachen Sandküste geboren und aufgewachsen, wo sich kein Schnee länger als einen Tag hielt, freiwillig in diese fremden Berge kommen?

Maja biss die Zähne zusammen, ergriff den Schneeschieber und begann Zentimeter für Zentimeter einen schmalen Pfad bis zum Zwinger frei zu legen. Der große weiße Hund beobachtete sie von dort aus, stieß kurze Laute aus und wedelte ungeduldig mit dem Schwanz. Er freute sich, der Dumme. Endlich bei ihm angekommen, konnte er es kaum erwarten, dass die schwere Gittertür aufging, preschte mit einem Satz hinaus und wurde sofort eins mit der pulverigen Schneemasse. Nur Nase und die Augen waren noch zu sehen, die wie toll gewordene schwarze Riesenkäfer rauf und runter hüpften und versuchten, sie zum Mitspielen zu animieren. Nein, mein Lieber, jetzt nicht. Noch nicht. Ihr tat der Rücken weh, und an den Händen hatte sie bereits Schwielen, aber was soll`s. Schweißgebadet, zog Maja mühsam den Pfad weitere zwei-drei Meter bis zum Hühnerstall hin. Die Hühner, die aufgeplustert noch auf ihrer Stange hockten, zeigten wie sie wenig Begeisterung für die dicke weiße Decke ringsum.

So, das reichte fürs Erste. Maja lehnte den Schneeschieber gegen die Wand, um kurz zu verschnaufen und den Rücken gerade zu machen, und stellte im gleichen Augenblick fest, dass von ihrer bisherigen Arbeit nicht mehr viel zu sehen war. Der Pfad war hinter ihr wieder zugeschneit, als wollte sich jemand über sie lustig machen. Was sollte sie nur machen? Ihr hatten Kälte und Schnee immer schon Angst gemacht, doch hier, auf dem Lande, war sie ihnen rettungslos ausgeliefert. Wie sollte sie es schaffen, den Hof so weit frei zu legen, dass das Auto aus der Garage gefahren werden konnte? Wenn es nicht aufhörte zu schneien, war es aussichtslos. Sie würde zusammenbrechen, der Schnee würde sie lebendig unter sich begraben. Und gegen Mittag sollte noch jemand vom Bahnhof abgeholt werden…

Verzweifelt betrachtete Maja die Bescherung und spürte, wie ihr dicke heiße Tränen über das Gesicht liefen.

„Morgen, Mama! Was hast du denn? Weinst du etwa?“

In der Haustür stand ihr jüngster Sohn mit zerwühlten Haaren, noch in Schlafsachen. Maja schluckte, zeigte stumm mit dem Kopf ringsum.

„Aber das ist doch wunderschön, da musst du nicht weinen“, sagte er. „Komm, na komm schon her, schau, was hier ist, da, in der Ecke. Es ist zwar noch nicht Weihnachten, aber mach den Karton schon mal auf.“

Bei ihrer Ankunft hatten die Kinder eine ganze Batterie von Kartons, großen und kleinen, in der Diele abgestellt, um die Geschenke zum richtigen Zeitpunkt gleich bei der Hand zu haben. Auf einen davon zeigte ihr Sohn nun.

„Diesen da in der Ecke, den großen, mach ihn jetzt auf“, wiederholte er, nickte und trat zur Seite, um ihr Platz zu machen.

Maja begann langsam die Klebebänder aufzureißen. Sicher was Technisches, dachte sie. Was wäre schon angebrachter, wenn man dabei war, ein altes Haus umzubauen. Sägespäne und zerknülltes Zeitungspapier. Noch mehr Sägespäne. Hier und da blitzten rot lackierte Einzelteile. Hm, so viele Teile… Als auch der letzte Fleck Dielenboden mit Sägespänen und Papierknäueln bedeckt war, kam schließlich ein Etikett zum Vorschein: „Schneefräse“.

„Ja-a-a“, stieß Maja die Hände hoch, „eine Schneefräse! Oh, mein Gott, ich fasse es nicht! Eine Schneefräse! Danke, danke, Schatz!“

Sie warf sich auf ihren Sohn und umarmte ihn.

„Na, na, ich bin aber auch noch hier und habe auch was damit zu tun, ja.“

Ihr älterer Sohn, geweckt vom lauten Geschrei, trat in die Küche. Maja lief zu ihm, umarmte und küsste ihn, brabbelte immerzu:

„Danke, oh, danke, Kinder!“

Ha, jubelte sie innerlich,nun aber soll der Teufel die Rückenschmerzen holen! Zum Teufel auch mit Frau Holle! Ihr wird nichts und niemand mehr Angst machen, kein Schnee und keine Kälte!

Es blieb nur noch das Finanzamt. Wenn sich gegen diesen Floh im Pelz auch ein Mittelchen fände, wäre sie wahrhaftig wunschlos glücklich…

 

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