„Kirchen, immer wieder Kirchen! Nimmt das denn kein Ende? Auch weitere Priester strömen ständig von Süd und West ins Land. Es werden bald mehr Kirchen und Priesterkappen als Häuser und Schwerter in diesem Reich zu sehen sein“ – schlug Vladimir Rassate wütend mit der Faust auf den Tisch und sprang von seinem Platz auf.

Die Boile schauten sich an, sagten nichts. Konnten nichts sagen, denn der Bau geschah auf Befehl des Zaren. Die beiden romäischen Priester, die den Plan für das neue Kloster aufgerollt hatten und ihn gerade diensteifrig dem Thronfolger erläutern wollten, prallten bei seinem Ausbruch gegen die Wand wie dahin geschleudert und schwiegen entrüstet. Sie hatten ihn freilich nicht verstanden, aber das spielte keine Rolle. Was  auch immer dieser Heißsporn wieder mal von sich gegeben haben sollte, war in ihren Augen sowieso nicht von Belang. Sie brauchten nicht darauf zu antworten. Hatten es nicht nötig. Der erlauchte Basileus hatte sie hierher geschickt, um den Barbaren das Wort Gottes zu bringen, und der Zar hatte die Genehmigung für den Bau bereits erteilt. So war, was sich gerade vor ihren Augen abgespielt hatte, nicht mehr und nicht weniger als das Benehmen von Wilden. Etwas anderes konnte man von diesen Menschen auch gar nicht erwarten. Sie sprachen ihre geheiligte Sprache  nicht, hatten weder eine Ahnung von der edlen Kultur Hellas, noch Sinn für die hohe Kunst der Politik. Von der Bibel hatten sie im besten Fall nur gehört. Wussten nur dreinzuhauen. Man konnte es ja tagtäglich und auf Schritt und Tritt sehen. Sogar der Thronfolger führte sich in ihrer Anwesenheit wie ein Hafenarbeiter auf, roch auch noch nach  Leder und Pferden, womit er eine Zumutung für die Nase eines jeden kultivierten Menschen war! Ah, es war wahrlich eine undankbare Aufgabe, die ihnen der Basileus aufgetragen hatte. Lorbeeren ließen sich damit nicht gewinnen.

Die Lippen zusammen gepresst, drehten sich die beiden Missionare wie auf Kommando um und verließen mit erhobenen Häuptern und flatternden Bärten das Arbeitszimmer. Rassate packte den Plan und feuerte ihn wutschnaubend in die Ecke, wo in einer eisernen Schale ein kleines Holzfeuer brannte. Er gab sich sichtlich Mühe, nicht noch mehr zu sagen, doch seine Augen schleuderten Blitze, und das war schlimm genug.

Geräuschlos ging die Zimmertür auf. Der Zar, dessen Herannahen man überhört hatte, trat ohne jede Ankündigung in Begleitung eines jungen Schwarzrocks ein, machte einpaar Schritte in der entstandenen Stille und blieb mitten im Raum stehen. Nachdenklich sah Boris zum kunstvoll beschriebenen Leder in der Ecke, nahe des Feuers, erkannte es wieder und unterdrückte ein Lächeln, das jedoch in seinen Augen weiter leuchtete.

Mit einem Zeichen bedeutete er, allein mit seinem Sohn bleiben zu wollen und entließ alle. Nicht umsonst scharten sich die Boile und der Hohepriester um diesen seiner Söhne. Er war wie sein geliebter Großvater und die anderen vor ihm – ein Fels. Aber es waren jetzt Zeiten fließenden Wassers. Wie alle Zarenkinder war auch Rassate in Sprachen und Wissenschaften bewandert. Er hatte den Glauben an den neuen Gott und den christlichen Beinamen Vladimir angenommen, doch war ihm dieser Glaube fremd geblieben. Wie vielen anderen im Reich der Bulgaren auch. Die fremdländischen Diener dieses Gottes, die sich hier tummelten, machten die Sache auch nicht gerade leichter. Sie waren in großen Mengen in das Land gekommen, zeigten jedoch offen ihren Hass und ihre Verachtung, entpuppten sich sehr bald auch als gold- und machtgierig. Die frommen Reden, die sich ohne Unterlass wie Honig aus ihren Munden ergossen, bezweckten anscheinend nur, Machtansprüche über die Menschen zu bekräftigen. Sie waren nicht angetan, ihre die Herzen zu erreichen und ihnen Gott als liebenden Vater nahe zu legen. Rassate aber war kein Fuchs, sondern ein Leopard. Er war ein Kämpfer, ein Mann aus Kraft und Stolz. Nie würde er mit Engelszungen reden und doppelbödige Pläne schmieden können. Deshalb verachteten ihn die noblen Nachbarn umso mehr. Sie hatten schnell erkannt, dass sie ihn nicht würden kaufen und verbiegen können. Das schaffte manch ein Problem für den Zaren, aber vielleicht ließe sich gerade dies zugunsten des neuen Christenstaates ausnutzen? Warum auch nicht? Niemand – weder Rom noch Konstantinopel – erwartete, ausgerechnet hier auf ein raffiniertes Spiel zu treffen. Niemand traute den frisch getauften Barbaren so viel Verstand zu.

„Dir gefällt der neue Bau nicht, Rassate?“, fragte Boris leise.

„Vater, er gefällt mir in der Tat nicht. Ganz und gar nicht! Er öffnet doch die Tore des Landes für weitere Pfaffen. Aber es gibt schon so viele von ihnen hier! Sie rollen scheinheilig mit den Augen, streuen Weihrauch und singen süß, lassen sich von uns mästen und vermehren sich schneller als die Hasen im Walde. Die Menschen verstehen nicht, was sie ihnen sagen und warum sie, wenn sie doch Gottes Dinge richten und also irdischen Freuden fern stehen müssten, selbst immer fetter an Leib und Güter werden. Jetzt hat der Basileus in seiner unermesslichen Weisheit auch noch Schriftzeichen für uns, unmündige Wilde, befohlen. Da sollen wir ihm wohl auf Knien dafür danken? Siehst du den nicht, Vater, dass er uns damit erst recht einfangen, uns bloß noch fester zurren will, als es schon der Fall ist! Nein, dieser Bau gefällt mir bestimmt nicht.“

„Du bist schon lange kein Kind mehr, Rassate. Und auch nicht dumm“, entgegnete Boris, nachdem er nachgeschaut hatte, ob der Flur hinter der Tür ganz leer war. „Du weißt, dass die Kämpfe nicht nur auf dem Schlachtfeld und mit dem Schwert ausgetragen werden. Heute nicht mehr und künftig – wahrscheinlich umso weniger. Was stört dich denn so sehr an den Priestern? Dass sie nicht sind wie wir?  Das kann man nicht erwarten. Dass sie Griechisch und Latein sprechen? Wenn schon. Oder vielleicht, dass sie dich nicht achten? Was macht das schon? Lass die predigen, wie sie nur können. Lass sie sich gegenseitig bekämpfen und alle Feuer der Hölle aufeinander beschwören. Lass Rom und Konstantinopel um uns kämpfen! Du sagst, sie wollen uns ihren Willen aufzwingen? Das müssen sie sich erst verdienen. Lass sie also machen, mein Sohn. Beobachte sie und lerne von ihnen. Rede, ohne was zu sagen. Gewinne Zeit. Was die Schriftzeichen betrifft, muss das auch nicht so werden, wie es sich unser erlauchter Nachbar gedacht hat. Das Messer kann man immer umdrehen, Rassate, wenn man nur die Kraft dazu hat. Wir aber sind nicht viel und müssen unsere Kräfte gut einteilen. Deswegen sollen der Basileus, der Patriarch, der Papst und all ihre Diener die Sache erst einmal untereinander austragen und sollen dabei getrost wissen, dass wir sehr wohl eine Wahl haben. Bis sie aber soweit sind, müssen die Unsrigen in der neuen Schrift unterrichtet sein. Dann werden sie die Sagen und die Gesetze aufschreiben und sie verbreiten, damit sie jeder Mann und jede Frau im Rein erreichen. Auch die heiligen Bücher sollen sie in die slawische Sprache übersetzen, denn die Slawen sind wie ein Meer, dessen Wellen den bulgarischen Fels glatt schleifen. Sind wir nicht bereit, etwas zu opfern, mein Sohn, werden wir diese Zeitenwende nicht überstehen. So mögen es für unser Volk also die slawische Sprache und die Buchstaben des Basileus sein! Damit alle wissen, was dieser neue Gott, der die Welt erobert, jetzt von uns verlangt. Später werden wir uns auch um die romäischen und lateinischen Priester und um die Einrichtung unserer eigenen Kirche kümmern. Verstehst du mich, Rassate?“

„Ja, Vater, ich verstehe dich“, antwortete der Thronfolger immer noch trotzig.  „Natürlich verstehe ich alles, und ich danke dir, dass du so ganz gegen deine Gewohnheit dein Herz öffnest und mich an deinen Gedanken teilnehmen lässt. Aber es ist nicht leicht, sich tagtäglich zum Idioten machen zu lassen. Und schließlich ist Tangra nicht irgendein Gott. Er hat unsere Völker immer gut beraten und beschützt. Ihm gebührt Achtung!“

„Wir sind nicht mehr in der alten Heimat“, stöhnte Boris auf. „Hier sind wir kein Pferdevolk der Steppe mehr. Du weißt genau, warum wir Phanagoria haben verlassen müssen. Wir tauschten unsere Welt freiwillig gegen eine neue ein, um nicht dort, im Osten, eingestampft zu werden. Hier aber herrschen andere Götter, es gelten andere Gesetze, die Menschen denken und sprechen anders. Wollen wir bestehen, müssen wir uns dem beugen. Das sind wir all denen schuldig, die wir auf dem Weg hierher haben begraben müssen. Es waren zu viele.“

„Aber wieso immer mehr Kirchen? Ist es denn nicht genug damit gewesen? Warum ein weiteres Kloster und weitere Mönche? Die Menschen werden irre von ständigem Beten, Räuchern und Singen. Sie werden anfangen zu glauben, dass Gott im Himmel ihre irdischen Dinge regele. Sie werden vergessen, was das eigentlich Wichtige ist, Vater.“

„Das ist jetzt das Allerwichtigste, Rassate. Das Erbauen ist uns nicht ganz neu. Mit Stein und im Stein haben unsere Leute immer gearbeitet und dabei von Arabern und Persern viel gelernt. Doch jetzt sind wir hier, und sie sollen diese neue Art zu bauen und auszuschmücken erlernen und sich an den Anblick von stattlichen Gotteshäusern im Reich gewöhnen. Weder wir noch die Slawen kennen so etwas. Mit diesem Kloster wird eine weitere Schule entstehen, in der unsere eigenen Mönche das Schreiben von Botschaften und das kunstvolle Richten und Schmücken von Büchern lernen sollen, damit wir mit dem Imperium Schritt halten zu können. Dann erst werden wir die fremden Priester nicht mehr brauchen. Dann erst werden wir sie nach Hause schicken, die heiligen Bücher selbst in die slawische Sprache, die jeder hier versteht, übersetzen und werden in dieser Sprache Gott selbst preisen und ihn um Hilfe angehen. Ja, dann wird es sich vielleicht herausstellen, dass diesmal der Basileus und auch der Papst ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht haben.“

Rassate hatte die Rolle mit dem Plan wieder aufgehoben und glättete sie nun nachdenklich über sein Knie. Die geschwungenen Augenbrauen finster zusammengezogen, hielt er die Zähne fest zusammengebissen. Sein Vater hatte recht, nach vorn in die Zukunft zu schauen. Das musste sein. Aber auch er, der Sohn und Nachfolger, hatte recht, die Vermächtnisse nicht vergessen zu wollen noch zu können. Auch das musste sein.

Wie so oft in letzter Zeit musste Rassate wieder an den Abschied von seinem Großvater denken. Ihr werdet hier wie eine Frühgeburt sein. Die Feinde von Süd und West werden euch immer bei knapper Nahrung halten und nie zulassen, dass ihr euch erholt und groß werdet. Das waren seine Worte auf dem Sterbelager, und er sollte recht behalten. Freilich waren die Pläne seines Vaters schlau, aber die Schlangen von Süden waren nochmal so schlau. Nachdem ihr Gott es einmal zugelassen hatte, dass sich die Barbaren wie eine Zecke in ihrem Leib festgebohrt und einen Staat auf ihrem eigenen Territorium, direkt unter deren Nase gegründet hatten, legten sie ihnen eine Falle nach der anderen, und jede neue war raffinierter als die vorherige. Sie fühlten sich hier ganz und gar zu Hause und kämpften verbissen und mit allen Mitteln um den Erhalt dieses Zuhauses. Werden sie je ohne weiteres wieder abziehen wollen? Werden sie die Barbaren hier schalten und walten lassen?

Er schaute auf seinen Vater, der still im Raum stand und geduldig darauf wartete, dass der geliebte Sohn seine Worte durchdachte und eine Entscheidung traf. Es war überaus wichtig, dass er das tat, denn die Krieger hörten alle auf ihn und folgten ihm überall hin. Und viele der Boile – ebenfalls.

„Ich werde mit dem Baumeister sprechen“, presste Vladimir-Rassate die Worte zwischen den Zähnen hervor.

Boris nickte, berührte mit der Hand kurz seine Schulter und verließ wortlos das Arbeitszimmer seines Sohnes. Ein ungutes Gefühl bemächtigte sich seiner. Er  hatte Rassate nicht überzeugen können.

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