Vor nicht allzu langer Zeit lebte in einem kleinen Gehöft am Rande eines Dorfes eine Frau, ganz allein mit ihren Tieren. Es waren deren nicht viele. Im Haus wohnten außer ihr die Katze Nastja und eine muntere Mäusefamilie, die Frau und Nastja – in den Zimmern, die Mäuse – darunter, genauer gesagt unter der Dielung. Diese Frau war aber keine wirkliche Bäuerin. Sie hatte sich vor Jahren vor dem Lärm der Stadt aufs Land geflüchtet, hatte eine Menge Bücher mitgebracht und schrieb auch selber welche. Tag für Tag saß sie stundenlang an einem großen Schreitisch vor dem Computer und fingerte dort an einer künstlichen Maus herum. Das war ihre Arbeit. Davon lebte sie – nicht üppig zwar, aber auch nicht schlecht -, davon bezahlte sie das Futter für die Tiere. Solange sie an dem Schreitisch saß und arbeitete, lag Nastja im Schaukelstuhl, räkelte sich oder döste, was sie ebenfalls mehrere Stunden lang betreiben konnte. Ab und zu spitzte sie die Ohren, sprang von ihrem Platz herunter und lief mal in die, mal in jene Ecke des Zimmers, wo sie die Mäuse bei ihrer Unterhaltung belauschen konnte und erstarrte auf der Lauer, in der Hoffnung, dass sich wenigstens eine von ihnen mal kurz, nur mal ganz kurz, blicken ließe. Das kam freilich nicht oft vor, doch war es einmal soweit, schnappte sich die Katze auf der Stelle die übermütige Maus, spielte eine Weile mit ihr und verspeiste sie dann genüsslich, wonach sie sich lange leckte und gründlich putzte, bis sie am Ende wieder auf den Schaukelstuhl sprang und dort einschlief.
Man riet der Frau gegen die Mäuse Fallen im Haus aufstellen. Das hatte sie einmal tatsächlich getan. Aber dann hatte sich plötzlich Nastja in einer der Fallen gefangen und mitten in der Nacht ein so fürchterliches Getöse veranstaltet, dass die Frau die Sache mit den Fallen schließlich doch lieber sein ließ und die unsichtbaren, flinken Mäuse ein für allemal als ihre Mitbewohner akzeptierte. Deren nächtliches Getrappel unter dem Fußboden störte sie nicht im Geringsten – weder beim Schlafen noch bei der Arbeit. Es klang für sie sogar wie eine Art Begleitmusik, die ihre Gedanken anregte und wundersame Bilder im Kopf hervorrief. So war die friedliche Koexistenz hergestellt, die nur selten von Nastja gestört wurde.
Draußen auf dem Hof regierte aber der Hund Timur. Groß, langbeinig und langhaarig, war Timur schön anzusehen, aber der Bursche war auch gefährlich, denn er knurrte und bellte reichlich und es kam vor, dass er nach diesem oder jenem schnappte. Er ließ auf gar keinen Fall zu, dass Unbefugte in den Hof herein kamen, geschweige denn, dass einer etwas aus dem Haus trug. Postboten, Lieferanten und Schornsteinfeger waren für ihn erklärte Feinde, die verfolgt gehörten. Und er tat dies mit Leidenschaft. In dieser Hinsicht war er zuverlässiger als jedes elektronische Auge. Timur passte auf, dass kein Fuchs noch Marder oder Habicht die Hühner der Frau, die die ganze Wohngemeinschaft mit Eiern versorgten, aufschreckte. Er sorgte auch dafür, dass die Gefiederten beisammen blieben und nicht etwa auf die Idee kamen, den Hof zu verlassen. Er war eine große Hilfe, was ihm offensichtlich bewusst war, denn er forderte dafür, täglich gekämmt und gebürstet zu werden. Und es geschah ihm auch nach Wunsch.
Mit Nastja vertrug sich dieser emsige Hofpolizist wohl oder übel, beobachtete jedoch genau, wie sie in das Haus hinein und aus dem Haus heraus ging. Um

sicher zu sein, dass sie dabei nichts schmuggelte, musste sich die Katze jeden Morgen beim Verlassen des Hauses erst einmal von ihm gründlich beschnuppern lassen. Dem fügte sie sich nicht nur, nein, mehr noch, sie brachte ihm ab und zu sogar eine Feldmaus mit und legte sie ihm demütig auf die Matte, damit er mit ihr auch einmal spielen konnte.
Und da bekanntlich kleine Geschenke die Freundschaft erhalten, herrschte zwischen Hund und Katz Frieden, auch wenn es manchmal etwas laut auf dem Hof wurde.
So lebten alle miteinander und es war nie langweilig, denn immer passierte gerade was.
Eines Tages meldete sich der Sohn der Frau zu einem längeren Besuch an und gleich breitete sich Aufregung im ganzen Haus aus. Es wurde überall gründlich geputzt und groß eingekauft. Eine Liste der Lieblingsspeisen des Sohnes, der ein geachteter Arzt war, wurde gemacht und frisches Brot und Kuchen gebacken. Dann kam er an einem späten Abend und seine Mutter, die ihn seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hatte, freute sich sehr. Der Tisch für das Begrüßungsfrühstück sah grandios aus. Man saß lange zusammen, aß und unterhielt sich und plötzlich fragte der Sohn:
– Mutter, ich glaube heute Nacht Mäuse im Haus gehört zu haben. Hast du hier etwa welche?
– Aber ja, natürlich – antwortete die Mutter. Wo es Tiere und Tierfutter gibt, gibt es auch Mäuse. Die stören jedoch nicht, lassen sich kaum blicken und wenn doch, ist die Katze sofort zur Stelle.
– Das kann nicht dein Ernst sein, Mutter – zeigte sich der Doktor entsetzt über die hinterwäldlerische Art seiner Mutter zu leben. – Mäuse sind Ungeziefer, die bringen Krankheiten mit sich. Sie stören vielleicht nicht, aber diese Symbiose ist hochgradig  unhygienisch und gefährlich. Und schließlich hat die Menschheit Mittel gegen Ungeziefer entwickelt. Man ist dem Übel ja nicht hilflos ausgeliefert. Ich werde mich mal darum kümmern.
– Das musst du nicht, mein Junge – antwortete die Frau. – Wie du siehst, geht es mir ganz gut in dieser „Symbiose“, wie du es nennst. Ich lebe und arbeite und sieche nicht etwa krank dahin.
– Also, es wäre ja noch schöner, dass es soweit kommt. Ich kann wirklich nicht zulassen, dass du hier lebst wie vor zweihundert Jahren. Selbstverständlich muss dieser Zustand geändert werden – erwiderte energisch der Sohn, dem es schien, als wäre seine Mutter ein kleines bisschen senil geworden.
Er verließ den Frühstückstisch, griff auf der Stelle zum Telefon und bestellte als erstes einen Kammerjäger, der die Mäuse und überhaupt alles Ungeziefer, was in der Nähe der Tiere lebte oder auch nur leben könnte, bekämpfen sollte. Der Mann kam überraschend schnell und war ungemein fleißig. Er streute und sprühte einen ganzen Tag lang, tat alles, wofür er bezahlt wurde, und noch etliches mehr. Nur hatten am Tag darauf sämtliche Hühner, deren Stall er gründlich desinfiziert hatte, im Freilauf die Beine von sich gestreckt. Den Mäusen erging es auch nicht anders. Zu Dutzenden verließen sie ihre unterirdischen Gänge, um unter freiem Himmel zu sterben, und man sah überall im Hof und im Garten zahllose kleine Kadaver liegen. Doch hatten es nicht alle geschafft, rechtzeitig ihre Gänge zu verlassen. Einige waren gleich unter der Dielung des Hauses verendet. Und zum grauenhaften Anblick draußen gesellte sich ein unerträglicher Gestank drin,

so dass sich keiner mehr im Haus aufhalten konnte. Da mussten wohl oder übel Handwerker zur Hilfe gerufen werden. Auch diese Männer kamen rasch. Sie rissen die komplette Dielung heraus, säuberten alles, dichteten, schichteten, verlegten neu, klopften, sägten und klebten.
Von einem Tag auf den anderen war der Frieden im Haus der Schriftstellerin hektischen Aktivitäten gewichen. Wochenlang liefen da fremde Leute umher und brachten alles durcheinander. Von dem Tumult aufgeschreckt, hatte Nastja Reißaus genommen und ließ sich nirgends mehr blicken. Nun fand sie Timur eines Tages am entferntesten Ende des Gartens, unter einem Busch, ebenfalls tot liegen. Ganz allein geblieben, war der treue Hund, so plötzlich arbeitslos geworden, völlig verstört, denn er wusste nicht, was oder wen er nun beschützen und behüten sollte. Doch schien er zu glauben, dass der Doktor an diesem Zustand schuld war und hatte angefangen, sobald er ihn sah bedrohlich zu knurren und zu bellen, bis er ihn schließlich eines Tages ins Bein biss. Die Wunde war weder groß noch gefährlich, aber sie tat weh und blutete und der Doktor bestand darauf, dass der Hund eingeschläfert wurde, denn beißen gehörte sich einfach nicht und zeugte am Ende auch bloß davon, dass die alternde Mutter nicht einmal mehr in der Lage war, einen Hund vernünftig zu erziehen. Genaugenommen brauchte sie ihn ja nicht einmal. Und nachdem auch diese letzte Aktion beschlossen und ausgeführt und alles zur völligen Zufriedenheit erledigt war, fuhr der Sohn wieder weg, zurück in die Stadt und zu seiner Arbeit.
Seine Mutter aber, die Schriftstellerin, saß allein im sauberen, stillen Haus Stunde um Stunde ratlos vor dem Computer und starrte auf einen leeren Bildschirm. Die Wochen und die Monate vergingen, aber sie konnte nicht mehr schreiben. Es fehlte etwas und ihr fiel nicht das Geringste ein, das sie aufs Papier bringen konnte. Der Kopf schien völlig leer geworden zu sein. Die Modernisierung des Hauses hatte all ihre Ersparnisse verschluckt und sie musste feststellten, dass wenn es weiter so ging, bald nicht einmal Geld für die Stromrechnung da sein würde. Etwas musste geschehen.
Lange überlegte die Frau, machte umfangreiche Recherchen und traf am Ende eine Entscheidung. Eines Tages packte sie eine Mappe mit Unterlagen, stieg in das Auto und fuhr, ohne jemandem was zu sagen, in die Stadt. Schon kurz darauf war ihr Haus, das ja inzwischen wie aus einem Bilderbuch herbeigezaubert aussah, verkauft. In einem nahen Dorf kaufte sie sich aber sofort ein anderes, leerstehendes altes Haus und ließ sich als erstes dort, im ehemaligen Kuhstall, von einem Rentner einen großen Ofen mauern. Der Mann war geschickt und nach und nach verwandelte sich der Stall unter seinen Händen in ein geräumiges Arbeitszimmer mit solider Kappendecke, zahllosen Steckdosen und Internetanschluss. Der große Schreibtisch wurde um einige Schubfächer erweitert und an das Fenster gerückt, darauf kam der Computer und schon ging es mit dem Schreiben los. Auf der Rundbank um den Ofen herum lag und schnurrte jetzt eine rothaarige Katze mit grünen Augen, die genau wie Nastja nach den Mäusen lauschte und Ausschau hielt, solange die Frau munter auf der Tastatur klapperte.
Und draußen? Wer trabte da tagein tagaus rauf und runter? Es war eine junge, zottelige, schwarzbraune Hündin, die allen lautstark verkündete, wer in diesem Hof der Chef war.

So lebten sie viele Jahre lang – die Mäuse mit der Katze, die Katze mit dem Hund, der Hund mit der Frau und alle miteinander – glücklich und zufrieden, denn jeder kannte seinen Platz und hatte seine Aufgaben.

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