In Bezug auf die Ausbildung waren in meinem Heimatort die fremdsprachige und die Musikmittelschule das Beste, was einem Mädchen passieren konnte. Für die Jungs gab es da noch einige andere Möglichkeiten, für die Töchter jedoch war dies das höchste der Gefühle.

In der vorletzten Klasse hatten wir am Deutschen Gymnasium zwar immer noch täglich Deutsch, doch wurde der Fachunterricht bereits in Bulgarisch gehalten. Die Terminologie saß. Die Fremdsprache war nicht mehr fremd. Wir lasen zunehmend deutsche Literatur im Original. Gern und viel. Mir war es ein Vergnügen, die Musik dieser Sprache zu entdecken. Aber Musik hin oder her, es gab von Anbeginn des Schuljahres Unmengen an Stoff zu bewältigen, da die Vorbereitungen für die Matura schon auf volle Touren liefen. Fieberhaft wurden Hunderte besonders schwieriger Matheaufgaben gelöst und stapelweise Fachliteratur gelesen, was alles eigentlich für die Studenten auf der Uni gedacht gewesen war. Im Literaturunterricht brauchte man gottlob nichts mehr auswendig zu lernen, was man auch als Anerkennung unserer Reife auffassen konnte. Die Aufsätze, die nun geschrieben wurden, nahmen zunehmend publizistischen Charakter an, denn wir sollten keine seelischen Ergüsse mehr auf’s Papier bringen, sondern uns im Erkennen von Zusammenhängen üben und logisches Denken unter Beweis stellen. Und obwohl alle die Dauerbelastung gewohnt waren, war sie doch nicht leicht, diese ausgesprochen intensive, diese ruhelose Zeit, die über nicht mehr und nicht weniger als über unsere Zukunft entscheiden sollte. Die Lehrer wussten es natürlich und bezeugten uns zusätzlich Respekt, indem sie uns zu siezen begannen. So etwas kam nicht alle Tage vor.

Ich hatte nach der Schule täglich auch noch Training. Ein gerade erworbener Meistertitel musste bestätigt werden, und ich mühte mich redlich. Ani, unsere Korrepetitorin, mit der ich eng befreundet war, half allen sehr. Sie suchte für jedes Mädchen Musik aus, die seinem Temperament entsprach, und die Küren wurden danach zusammengestellt. Etwas ungewohnt, aber die Methode funktionierte bestens und wurde auch von der Trainerin anstandslos akzeptiert. So lernten wir nebenbei über Musik bedeutend mehr, als es je im Schulunterricht möglich gewesen wäre. Es wurde uns zum Beispiel bewusst, dass die Musik nicht etwa ein harmonisches Geräusch darstellte, sondern immer etwas ausdrückte. Die eigentliche Kunst bestand für uns darin, nicht einfach darauf los zu hüpfen, sondern durch unsere Bewegungen die Musik zum Leben zu erwecken, ohne dabei den geforderten Schwierigkeitsgrad zu schmälern. Das hatte etwas von modernem Ballett an sich und steigerte Ausdruckskraft und Gesamtqualität der Küren enorm. Dieses Neue, Spannende spornte uns dazu an, individuelle Choreographien zu entwickeln. Die Arbeit war faszinierend und kostete viel Zeit und Schweiß. Trotzdem brach nie einer in der Turnhalle vor Erschöpfung zusammen. Nie  beachteten wir den Hunger nach einem langen Tag in der Schule. Keiner hing durch.

Eines Tages zeigte ich mich beim Training jedoch auffallend zerstreut. Ich war nicht in der Lage, mich zu konzentrieren und musste mehrmals zur Ordnung gerufen werden. Aber es half nicht, ich machte einen Fehler nach dem anderen, guckte dauernd auf die Uhr, zappelte herum. War schrecklich nervös und konnte kaum das Ende abwarten, um mit Ani etwas Wichtiges zu besprechen.

In der Literaturstunde war mir nämlich zum ersten Mal aufgetragen worden, Gedichte auswendig zu lernen. In den ersten zwei Jahren auf dem Gymnasium hatte selbstverständlich auch ich wie alle täglich bis zu zweihundert Vokabeln auswendig gelernt. Jedoch nie Gedichte. Aus irgendeinem Grund war das von mir nie verlangt worden. Ob schriftlich oder mündlich, ich hatte von Anfang an stets Zusammenfassungen, Analysen und Kritiken zu liefern. Zum Glück, möchte ich behaupten, denn darin war ich Spitze.

Umso größer die allgemeine Verblüffung am Vormittag. Eine finstere Donnerwolke war zur zweiten Stunde in das Klassenzimmer gestürzt und hatte gleich als Eröffnung für die kommende Woche eine große Leistungskontrolle angekündigt. Mündlich. Jeder hatte eine Aufgabe zugeteilt bekommen. Ich sollte sechzehn Gedichte von Nikola Vapzarov auswendig lernen und vortragen. Sechzehn! Die komplette Schülerausgabe des Gedichtbands! Selbstredend hatte es keinerlei Erklärungen, keinerlei Diskussionen dazu gegeben. Beschlossen und verkündet und – nächster Punkt der Tagesordnung! Das war grausam gewesen. Voller Entsetzen hatte ich gleich Zahnschmerzen vorgetäuscht, um bloß nichts sagen zu müssen. Hatte an den Fingernägeln gekaut und still vor mich hin vor Wut gekocht, ohne jedoch die aufsteigende Panik verhindern zu können. In der Tat mochte ich Vapzarovs schnörkellose Sprache, die klare Rhythmik seiner Lyrik, aber sechzehn Gedichte innerhalb weniger Tage auswendig zu lernen war kein Pappenstiel! Zumal es allgemein bekannt war, dass ich solche Aufgaben bislang nie hatte zu übernehmen brauchen. Es hatte sich in der Klasse eine gewisse Arbeitsteilung durchgesetzt, die von allen Lehrern stillschweigend akzeptiert wurde. Gewohnheitsrecht eben. Was für eine Laus war nur an diesem Tag der Frau über die Leber gelaufen?

Nach dem Ende des Trainings stieß Ani, die den gleichen Nachhauseweg hatte, zu mir und begleitete mich ein Stück. Es war schon später Abend geworden, und die Straßenlaternen leuchteten hier und da, gerade soviel, dass man sich beim Laufen  nicht gleich die Beine brach.

„Was war denn heute mit dir los? Du warst ja ein Nervenbündel“, kam sie gleich zur Sache, denn der gemeinsame Weg war nicht besonders lang. Ich erzählte, was vorgefallen war.
„Die Zeit, Ani! Sie reicht dazu nicht. Ich darf kein Training auslassen, weil  Meisterschaften vor der Tür stehen. Eine Schlappe in der Schule kann ich mir aber auch nicht leisten. Schließlich wird jetzt jede einzelne Note für die Matura berücksichtigt. Außerdem habe ich einen Ruf zu verlieren. Mir bleibt praktisch nur der Sonntag. Das schaffe ich nie.“

Eine Weile gingen wir in der Dunkelheit schweigend nebeneinander. Die Trainingstasche auf dem Rücken, hielt ich die Schultasche mit beiden Händen fest vor der Brust umschlungen.
„Du bist doch durch den Sport in Meditation geübt“, meine Ani dann. „Wenn du dich jetzt richtig konzentrierst, wirst du die Gedichte schaffen. Vapzarov ist ja nicht gerade mein Fall, aber schlecht muss er deswegen nicht sein. Versuche es. Eine andere Wahl hast du sowieso nicht. Bringe das erst einmal hinter dich, danach wollen wir überlegen, wie du dich bei deiner Lehrerin dafür bedankst.“

Ani war einige Jahre älter als wir und sehr belesen. Aber keine neunmalkluge Ziege. Wir respektierten sie alle. Ihre leisen, nachdrücklichen Worte an diesem Abend wirkten wie Balsam auf frischer Wunde und beruhigten mich für das Erste.
Ich tat, wie geraten und brauchte wirklich nicht mehr als drei Abende, um alles auswendig zu lernen.
Die Leistungskontrolle kam. Steif und aufrecht, saßen wir auf unseren Plätzen, als hätten wir Spazierstöcke verschluckt. Einer nach dem anderen erlebten die ersten ihren unvermeidlichen Schiffbruch. Es kam die Reihe auch an mir. Ich sprang auf, trat in den schmalen Gang zwischen den Bankreihen und schmetterte zur Überraschung aller die sechzehn revolutionären Gedichte mit einem Pathos hintereinander, das mir normalerweise gar nicht eigen war und das noch lange nach dieser Vorstellung in den Fluren des Gymnasiums parodiert werden sollte. Allerdings hatte meine geballte Faust nichts mit Vapzarov zu tun.

Damit war die Sache erst einmal erledigt und vorbei. Danach floss das Leben normal weiter. Ohne besondere Vorkommnisse. Nur die übliche Hektik. Ich hatte lediglich eine neue Beschäftigung aufgenommen, die meine gesamte freie Zeit – es waren ja bloß die späten Abendstunden und die Sonntage – in Anspruch nahm. Einmal in der Woche besuchte ich jetzt unsere Korrepetitorin, und wir übten uns in Gedankenübertragung. Hingebungsvoll. Nach dem Vorbild von Alexander Kuprins Heldin Olesja, versuchten wir immer wieder, uns gegenseitig bestimmte Befehle zu suggerieren. Ich weiß, das klingt etwas verrückt, aber es geht, es ist kein Voodoo. Freilich erforderte die Sache eine lange und ausdauernde Vorbereitung. Erzählt hatte ich davon niemandem. Saß monatelang abends zu Hause allein in einem Zimmer und trainierte meine Konzentrationsfähigkeit. Mutter kam in’s Staunen, wusste aber nichts dagegen einzuwenden und ließ mich in Ruhe.

Die Zeit verging. Nach einem halben Jahr etwa glaubte ich, soweit zu sein, in der Klasse ein Experiment zu wagen. Als Erstes wechselte ich von der zweiten in die erste Bankreihe und saß somit unmittelbar vor dem Lehrertisch. Dieser Platz war wegen der ziemlich feuchten Aussprache mancher Lehrer nicht sonderlich beliebt. Für meine Zwecke war er jedoch ideal. Um den Platzwechsel zu rechtfertigen, gab ich vor, Augentropfen verschrieben bekommen zu haben, wodurch ich vorläufig stark kurzsichtig sei. Es wurde akzeptiert.
Aufgeräumt und leichten Schrittes kam unsere Literaturlehrerin in das Klassenzimmer. Überprüfte die Anwesenheit. Der Unterricht begann. Ich suchte mir einen Punkt auf ihrem Gesicht aus, fixierte ihn und versuchte, ihr ein besonders schweinisches Wort praktisch auf die Zunge zu legen. Eine Minute, weit, drei … Schweißtropfen traten mir vor Anstrengung auf die Stirn. Nach fünf Minuten begann sie auf einmal leicht zu stottern. Jedes Mal, wenn sie ein Wort aussprechen wollte, das mit dem gleichen Buchstaben wie meine Schweinerei anfing, verschluckte sie sich, lief rot an, fing auch an zu schwitzen. Am Ende hielt sie es nicht länger aus und gab uns eine schriftliche Aufgabe, um nicht selbst reden zu müssen.
Es hatte geklappt! Ich war ganz aus dem Häuschen, sagte aber immer noch kein Wort zu jemandem. Wollte das Unternehmen zu einem guten Ende führen.

Zwei Tage später hatten wir Grammatik bei derselben Lehrerin. Alle Fenster des Klassenzimmers standen weit offen, denn mittlerweile war es fast Sommer geworden. Wir schrieben irgendetwas, Madame lief stumm hin und her, hielt nur an, um kurz auf den Schulhof hinaus zu schauen, oder ihr Spiegelbild in der Scheibe zu betrachten. Marschierte dann weiter. Ich musste immer noch die bewussten Augentropfen nehmen und saß wieder ganz vorn, beugte mich auch ständig über die Bank, weil ich die Sätze an der Tafel partout nicht entziffern konnte, fixierte schließlich erneut das Gesicht der Lehrerin. Sie war in Gedanken vertieft und beachtete mich nicht, aber plötzlich stolperte sie in ihrem Gang einmal, zweimal, dann – immer wieder und stets an derselben Stelle. Interessant! Es gab dort für sie  offensichtlich irgendeine Hürde, irgendein Hindernis, das sie nehmen musste, es aber nicht schaffte.

Ich gebe zu, dass mich der Anblick mit größter Genugtuung erfüllt hatte. Mir war es nämlich gelungen, ihr die Vorstellung von einem durch den vorderen freien Teil des Zimmers gespannten Seil zu übermitteln. So musste sie jetzt jedes Mal, wenn sie diesen Bereich überqueren wollte, stolpern. Schließlich gab sie es entnervt auf und setzte sich verunsichert an ihren Tisch, um dort das Ende der Stunde in Sicherheit abzuwarten.
Als es endlich zur großen Pause klingelte und alle nach draußen stürzten, winkte sie mich zu sich an den Tisch herbei. Wollte von mir wissen, was ich zu Hause gerade lese.
„Buddenbrooks“, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen. „Zwischendurch aber auch Heines Gedichte.“
Sie sah mich lange und bedeutungsvoll an, überlegte wohl, ob sie dazu ‘was sagen sollte, ließ es doch sein, meinte bloß, ich solle ab sofort wieder auf meinen alten Platz in der zweiten Bankreihe gehen.
Das war’s. Ab da lief alles normal weiter. Bis Ende meiner Schulzeit brauchte ich nie wieder ganze Gedichtbände auswendig zu lernen und konnte mich auf die Matura konzentrieren.

Ani genoss seitdem meine grenzenlose Anerkennung und tiefe Verbundenheit. Die unter ihrer Anleitung so unkonventionell erworbenen Fähigkeiten aber sollten später einmal bei der Stressbewältigung in meinem Leben als Geschäftsfrau wahre Wunder bewirken.

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