10.30 Uhr. Ich stand ausgehfertig im Flur meiner kleinen Wohnung und überprüfte zum wiederholten Mal die Unterlagen in der Mappe – Kopien, Ladung, Ausweis, dann holte ich einen kleinen Stoffbeutel aus der Schmuckdose heraus und verstaute ihn vorsichtig in der Jackentasche. Noch ein letzter Blick in den Spiegel und da – aus seiner Tiefe löste sich langsam die schmächtige Gestalt der alten Frau mit schwarzem Kopftuch, deren vorwurfsvolle Stimme mich seit meiner Kindheit auf Schritt und Tritt begleitete: „Lili, du hast schon wieder das Tor zum Tierhof offen stehen lassen. Die Hühner sind alle im Garten und haben die Beete zerwühlt. Die Kräuter hast du auch noch nicht zum Trocknen hingehängt. Wo hast du nur deinen Kopf, Kind?“ Diese Frau war der Anker, sie war die Nabelschnur, die mich mit einem schattigen, duftigen Garten in karger Landschaft und einer unendlichen Reihe von abgehärmten Menschen in den fernen Bergen verband. „Später, Großmutter“, schmunzelte ich vor mich hin, „jetzt geht es in die Schlacht“. Ich nahm meine Sachen, drehte den Wohnungsschlüssel um und ging die Treppe hinunter. Vor dem Haus wartete bereits das bestellte Taxi. Wir fuhren, dann hielt es vor dem Amtsgericht, ich bezahlte und begab mich zum vierten Stock. In der Nähe des Sitzungssaals 4060 wartete ein Mann in seriösem Schwarz, die Hose eine Spur zu eng, der offensichtlich aus dem gleichen Anlass hier war wie ich. Wenige Minuten später erschien auch eine junge Richterin und ließ uns in den Raum. Sie wies uns entgegengesetzte Plätze an, holte ein kleines Diktiergerät aus der Tasche ihrer Robe und fing an, kurze, klare Sätze hinein zu sprechen. „Dies ist ein Anhörungstermin zur Klage der Versicherungsanstalt „Mirage“ gegen Frau Philipp. Die Versicherung wird durch einen Justiziar vertreten, Herrn Alexander, persönlich anwesend, der im Besitz einer schriftlichen Vollmacht seines Unternehmens ist. Frau Philipp ist persönlich erschienen. Ich nehme ihre Personalien für das Protokoll auf: Sie heißen Liliana Philipp, geboren am 28.02.1965 in Elena, Bulgarien, deutsche Staatsbürgerschaft. Ich das korrekt?“ Ich nickte. „Herr Alexander, möchten Sie Ihrem Antrag etwas hinzu fügen?“, fragte sie den Mann im schwarzen Anzug. Er räusperte sich leise und setzte sich noch aufrechter hin. „Mit Ihrer Erlaubnis, möchte ich nur zusammenfassen“, sagte er und nun fiel mir auf, wie makellos sein Scheitel und wie rot seine Krawatte war. Blutrot. „Mein Unternehmen wirft Frau Philipp Versicherungsbetrug vor. Auf Grund der Angaben in ihrem Antrag, eingereicht bei uns vor ca. anderthalb Jahren, wurde sie günstiger eingestuft, als das sonst der Fall gewesen wäre. Sollten wir die von ihr zuletzt beanspruchten Leistungen in vollem Umfang übernehmen, wie sie es anstrebt, hätte ihre monatliche Prämie von Beginn an um 0,2% höher sein müssen. Unter Berücksichtigung des Umstandes, dass die Krankenkassen zurzeit sehr im Zentrum des öffentlichen Interesses stehen möchten wir unsere Kunden verständlicherweise nicht dazu ermutigen, falsche Angaben zu machen.“

„Frau Philipp, kennen Sie die Klageschrift?“, wandte sich die Richterin jetzt an mich und ich bestätigte wiederholt. „Möchten Sie sich dazu äußern?“ Ich sah die forsche blonde Richterin mit ihrem hochgesteckten Haar an. Sie sprach ein leichtes Dialekt und schien aus dem Schwäbischen zu stammen. Gymnasium, danach – ein mehrjähriges Jurastudium; hatte wahrscheinlich unzählige und leidenschaftliche Gespräche mit ihren Kommilitonen über Menschenrechte geführt, war möglicherweise mehrfach im Ausland; sicher war sie auch verheiratet. Noch.

„Ja, ich würde gern etwas dazu sagen“, antwortete ich betont sachlich in reinem Hochdeutsch, öffnete meine Unterlagenmappe auf und rutschte auf dem Stuhl leicht vor.

„Ich habe vor anderthalb Jahren einen Antrag bei der privaten Krankenkasse „Mirage“ eingereicht. Hier wäre die Kopie des Antrags. Möchten Sie sie sehen?“

„Nicht nötig, Frau Philipp, die Kopie liegt mir schon vor“, antwortete die Richterin und blickte mich aufmerksam an.

„Bis vor kurzem noch hatte ich überhaupt keine Leistungen der Kasse beansprucht, doch dann wurde bei mir eine Parodontosebehandlung durchgeführt und ich musste die ziemlich hohe Rechnung dafür bei der Versicherung einreichen. Als Antwort darauf erhielt ich die Klageschrift. Ich sehe jedoch keinen Grund für den Vorwurf eines Versicherungsbetruges und glaube, dass es sich dabei um ein Missverständnis handelt“.

„Frau Philipp, möglicherweise entsprechen die Angaben in Ihrem Antrag aber nicht ganz der Wahrheit“, warf die Richterin vorsichtig ein.

„Frau Richterin, alle Angaben in meinem Antrag sind absolut korrekt und lassen sich problemlos überprüfen.“

„Nun, genau das wurde gemacht. Nach Eingang der Rechnung für die Parodontosebehandlung hat die Versicherung eine Überprüfung Ihrer Angaben in der Zahnarztpraxis veranlasst, die die Behandlung durchgeführt hat. Dabei wurde unter anderem festgestellt, dass Ihnen davor schon ein Weisheits- und ein Backenzahn gefehlt haben. Im Versicherungsantrag haben Sie jedoch angegeben, all Ihre Zähne seien vollzählig. Hier scheint doch etwas nicht zu stimmen. Oder irre ich mich?“ Sie zeigte sich leicht genervt und fing an, mit einem Bleistift zu spielen.

„Die Angaben im Antrag sind ganz bestimmt korrekt, Frau Richterin, mir fehlen in der Tat keine Zähne. Wenn Sie erlauben, möchte ich das erklären“. Ich sah die blonde Frau im schwarzen Talar fragend an und sie nickte erstaunt zu. „Ich stamme aus einer sehr langlebigen Familie, die in den Bergen des kleinen Balkanstaates Bulgarien lebt. Ich wüsste nicht, dass jemand aus meiner Familie irgendwann einen Zahnarzt aufgesucht haben soll. Wer bei uns stirbt, ist weit über 80 und hat vielleicht äußerst abgenutzte Zähne, aber sie sind alle vollzählig da. Immer, soviel ich weiß. Ich selbst lebe in Deutschland seit fünfzehn Jahren und ernähre mich wie die meisten Menschen hier, eben wie alle in meiner Umgebung. Vor gut zwei Jahren musste ich jedoch mit starken Zahnschmerzen zu einem zahnärztlichen Bereitschaftsdienst, wo eine Wurzelentzündung festgestellt wurde und darauf hin ein Weißheits- und ein Backenzahn entfernt werden mussten.“

Die Richterin legte den Stift weg. Sie sah auf ihre Unterlagen, doch zwischen den hellen Augenbrauen erschien eine strenge, senkrechte Falte.

„Frau Richterin“, setzte ich die Erzählung ruhig fort, „so etwas ist unter meinen Angehörigen bislang nie vorgekommen. Hätte meine Familie erfahren, dass ich Zähne verloren hätte, wäre es für mich äußerst peinlich gewesen. Ich hätte nämlich mein Gesicht verloren, denn in den Augen meiner Leute gilt das als eine Art sozialer Abstieg, als ein Abgleiten in ein randständiges Milieu. Daher habe ich damals den Zahnarzt gebeten, mir die zwei gezogenen Zähne zu geben, was er auch getan hat. Ich habe sie zu Hause desinfiziert und aufgehoben. Hier sind sie.“ Ich zog behutsam den kleinen Stoffbeutel aus meiner Jackentasche, ging zum Richtertisch und legte ihn vor die blonde Frau hin. „Etwa ein Jahr nach der Notbehandlung wollte ich die Versicherung wechseln. Ich habe den Antrag wahrheitsgemäß ausgefüllt und bei „Mirage“ eingereicht. Mir fehlen keine Zähne. Das war damals nicht der Fall und ist es auch heute nicht“.

Eine Weile war im Raum nichts zu hören. Die Frau im Talar schaute mich ernst an, doch dann gab sie ein Geräusch wie ein unterdrückter Husten von sich, die strengen Gesichtszüge lösten sich auf und sie verfiel in ein lautes, helles, herzerfrischendes Lachen. Der Justiziar saß regungslos und stumm mit zusammengekniffenen Lippen und überlegenem Blick auf seinem Platz. Mit immer noch lachendem Gesicht griff die Richterin zum Diktiergerät, schaltete es wieder ein und sprach schnell hinein: „Die Klage wird wegen Mangels an Beweisen abgewiesen. Die Parteien werden schriftlich darüber benachrichtigt. Die Sitzung wird geschlossen.“

Im Hinausgehen hielt sie den Justiziar an und sagte heiter zu ihm: „Herr Alexander, sie sollten in Ihrem Unternehmen eventuell anregen, die Antragsformulare zu überarbeiten. Da sie nicht nur für Beamte bestimmt sind, stehen uns möglicherweise, falls dies nicht gemacht wird, weitere Missverständnisse bevor“.

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